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Daniil Charms, 1905 als Daniil Ivanovic Juvacev in St. Petersburg geboren, lebte in bewegten Zeiten. Vom zaristischen Russland über die bolschewistische Revolution zum Stalinismus bis zu den beiden Weltkriegen verband die wechselnden Regime vor allem eines: das Unverständnis gegenüber einem freien, kreativen Geist und Verfolgung der Künstler.Als Mitglied der Literarischen Avantgarde „Oberiu“ brach Charms mit den Gesetzmäßigkeiten etablierter Kunst, und verweigerte sich der vom klassischen Theater geforderten Einheiten von Zeit, Handlung und Ort. Die Kunst war sein „Fenster“, durch das die Lächerlichkeit alles dessen sichtbar wurde, was die Leute für selbstverständlich halten.
Er erfasste das Ausgeliefertsein, die Herabwürdigung auf das Materielle und die Entseelung der Existenz durch das Schaffen einer fiktionalen Welt automatisch funktionierender, einander entfremdeter Figuren, entpersönlichter (also auch ihre Individualität nicht bewahrender) Menschenlarven.
Heute, hundert Jahre später, befinden wir uns ebenfalls in bewegten Zeiten. Das Auftauchen dystopischer Bilder von klimatischen, pandemischen und ökonomischen Katastrophen einerseits und biedermeierlicher Rückzug, Realitätsverweigerung oder Verschwörungsszenarien andererseits prägen aber umso mehr die Gegenwart. Dort wie da liefert der Umgang der Gesellschaft mit den wechselnden Gegebenheiten Auswüchse ins Absurde und Komische, so ernst und tiefgreifend die gesellschaftlichen Umwälzungen auch sind.
Charms‘ Texte entlarven das unechte, erstarrte, bereits tote Leben, die unpersönliche Existenz, und das mit Humor. Radikal ist sein Interesse für das Böse, ohne es moralisch zu bewerteten. In seinen schrecklichen Erzählungen lache er darüber, indem er das Böse, die Beschränktheit, die Stumpfheit der Menschen bloßstelle. Diese Radikalität, der unsentimentale Blick auf die menschliche Existenz in ihrer Unbedarftheit und der schwarze Humor – all das macht ihn auch für das Theater im 21. Jahrhunderts so interessant.

TheaterArche, Vilmos Nagy

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